German Traveldaybook Pt. 1 – Wer hat hier von wem die Nase voll?

Als eine der wenigen amerika-affinen Leute in meinem Umfeld übe ich ja sonst recht wenig oder nur sehr differenzierte Kritik an den allmächtigen US of A. Aber diesmal hat man mein Ego verletzt, und zwar zutiefst. Und das kam so.

Nach fast 17 Stunden, schlafmangelnd und hungrig (im Flieger gibt’s irgendwie immer weniger zu essen hab ich das Gefühl), nach überstandenem extrem windigen Touch Down in Toronto und ein wenig besorgt über die Verspätung (Anschlussflug in einer Stunde, herrjeh) warte ich auf mein Gepäck, welches ich persönlich durch Zoll und Prä-Einwanderungsbehörde durchlächeln muss. Zwei Inder mit dickem Turban (was machen all die Inder in Kanada? Im Flugzeug dachte ich im Halbschlaf mal kurz ich flöge schon wieder nach Delhi) beruhigen mich und weisen mir alle nötigen Formulare sowie die Durchgangstür für Transitreisende zu. Zwei Frauen mit breitestem Midlands-Akzent (Iike, you know, Iike theeeese peeeeeople that Iike speeeeak like almoost like Teaxas ienglish, you know, like) beschweren sich über die lange Schlange am Fingerabdrucks-Scanner und haben ihren Anschlussflug schon verpasst. Da, mein Rucksack kommt, great, jetzt schnell da durch, lächeln, nett sein, nicht provozieren. Die Kanadier sind ja die freundlicheren US-Amerikaner, sagt man immer so schön. Die Reihe kommt an mich, ich stehe einer Lateinamerikanerin gegenüber, ihr Englisch eindeutig nicht akzentfreier als meines. Ich sage artig Hallo, schiebe ihr mein ESTA, Pass, Zoll- und Einreiseformular rüber, lächle. Warte. Sie schaut mich an als ob ich ihr nen kalten Waschlappen in die Unterwäsche geschoben hätte. Das Kammerspiel beginnt.

Ich (lächelnd): „What?“
Sie, steinhartes Gesicht: „Borngpass“
ich, Bordkarte rüberschiebend: „Oh, sorry.“
Stille, Pass wird gescannt
sie: „Rei hä förs fer finkers“
ich: „What?“
sie (wütend-genervt): „PUT YA RIGH HAN FOUR FINKERS DOWN OTHE SCANNER!“
ich (überrascht): „Oh, sorry, I didn’t know I had to do it again.“
lege meine rechte Hand auf den Scanner, bezeichne mich innerlich als Doofkopf
sie (spöttisch-wütend, — ich verzichte ab hier auf die Transkription des Akzentes (man gewöhnt sich auch schnell)): „Why would you think that?“
ich (merkend, dass das Gespräch 180° falsch herum läuft): „I thought they were already in the data base.“
sie (sehr spöttisch nun, abschätzend, lauernd): „Who told you so? Surely not me!“
ich (demütig): „Oh no, I don’t know why i thought that. Sorry.“

Bin ja auch ganz schön doof. Naja, nach missglücktem Start kann’s ja nur noch schlimmer werden. Der Ton bleibt so bzw. wird grantiger. Nach dem Grund meiner Reise gefragt (auf der Einwanderungskarte hatte ich „Private“ angekreuzt, Stipendium gibt’s da ja nicht als Option), erzähle ich ihr, dass ich nach Columbus eingeladen worden bin, „for a residency“. Also geschäftlich? fragt sie mich. Ich verneine, denn arbeiten darf ich ja gar nicht, in diese Falle lass ich mich nicht locken! Aber, sagt sie, ich wäre ja kürzlich erst in den USA gewesen, oder etwa nicht? Nein, sage ich, da würde ich ihr zustimmen, ich war im Januar schon mal zehn Tage da. (Der Stempel im Pass sagt dick und fett 15. April, was das späteste Ausreisedatum gewesen wäre.) Und ich wäre also jetzt bis April geblieben und reiste nun schon wieder ein? Ich schaue sie verdattert an. Wie? Wie kommt sie denn darauf? Also, sage ich, ich war vom 15. bis 25. Januar zehn Tage hier, das müsste sie doch auch im System sehen, und jetzt käme ich gerade direkt aus Leipzig. Ein säuerliches „Aaaa—haaaa….“ von ihr. Auf ihre Frage nach der diesmaligen Dauer meines Aufenthaltes antworte ich, Schlimmes ahnend, mit Bangen und Zittern in der Stimme: „89 Tage.“ Das war’s, jetzt bin ich endgültig ein illegaler Immigrant. Wirtschaftsflüchtling im besten, Terrorist im schlimmsten Fall. Was ich hier zu tun gedenke? („art project“) Habe ich einen Rückflug gebucht? („of course“) Her mit der Bestätigung; und überhaupt,  was soll das, mein Visum so auszureizen? Nun ja, gebe ich zu Bedenken, das Stipendium ist ja auf 3 Monate ausgelegt, und eine Anwesenheit über die ganze Zeit ist erwünscht. Ihre Frage danach, wieviel Geld ich denn hätte um mich die 3 Monate zu versorgen kommt schon sehr lauernd und abschätzig daher, dann fragt sie nach meinem Beruf. Ich weiss nicht worauf sie hinauswill, schliesslich hab ich schon was von Stipendium, Arts Council, Kunst machen usw. erzählt, also straffe ich meine Brust und sage: „I’m an artist“. Sie schaut mich an, von oben bis unten bzw. dahin, wo sie blicken kann über den Tresen, wartet kurz und sagt dann: „okaaaaaay…….but what do you live on?“ Mein Ego ist zu diesem Zeitpunkt bereits herausgefordert und ich kann es nicht mehr beherrschen. Der Wortwechsel wird aggressiver, mein Kopf sagt „Not your fucking business, bitch!“ während ich mich sagen höre „I am a graphic designer as well, that’s what I make my money with.“ Ihr gehen wohl die Argumente aus, jedenfalls klappert sie etwas im Computer herum, murmelt was vor sich hin und schaut mich dann fragend an. Scheinbar war ihr Murmeln an mich gerichtet, ich schaue fragend zurück. Sie wiederholt sich also: „Make sure you don’t miss that flight or you’ll be in the bottom.“ Oder so, ich bin mir nicht sicher was ich zu verstehen habe, also frage ich nach. „In what bottom?“ und versichere ihr gleichzeitig, dass ich nicht vorhätte meinen Flug zu verpassen, warum auch? Nun so laut, dass alle es hören können die sich in Rufweite aufhalten, erklärt sie mir, dass ich nie wieder in die USA einreisen dürfte, wenn ich meinen Flug verpasse. Wie gesagt, mein Ego ist da schon eine Weile am Durchgehen mit mir, also erwidere ich ihr, aber immer noch unschuldig-freundlich, dass ich das nicht vorhätte und warum ist es eigentlich ein Problem, als Tourist mehrfach einzureisen? Dafür gäbe es doch das Visa Waiver Programm und es wäre doch auch für die USA toll, wenn ein deutscher Künstler in New York ausstellt, so what’s the problem? Jetzt kommt ihre große Minute. Sie lehnt sich über den Tresen, lächelt mich schmierig an und fragt mich, warum ich mit ihr diskutieren möchte, schließlich hätte sie mir eben einen Gefallen getan. Gefallen? (Stirnrunzeln auf meiner Seite) Ihr Computer hätte ihr angezeigt, dass Sie mir die Einreise verwehren soll, und das hätte sie auch tun können, hat sie aber nicht und ich sollte ihr dankbar sein. Das will ich genauer wissen. „Well, you’re here the second time in three months, you’re bringing three pieces of luggage, you don’t have a job, you don’t have money and so you have nothing that makes sure you’ll go back home.“ Da bin ich baff. Nichts was mich an zu Hause bindet? Kein Beruf? Kein Geld? Ich, als deutsche Stipendiatin, teurer Rückflug im Gepäck, werde als unrechtmäßiger Immigrant verdächtigt? (Und das alles von einer US-Amerikanerin mit lateinamerikanischem Akzent.) So schnell wird man also patriotisch…Asche auf mein Haupt. Eines will ich dann aber doch noch wissen, nämlich wieso man als Künstler keinen Beruf hat, das würde man von Mark Twain oder Jackson Pollock doch auch nicht behaupten. (Seltsam wieso ich mich gerade mit diesen beiden auf eine Stufe stellen wollte, das werde ich mal einer gründlichen Analyse unterziehen müssen.)  Ich dürfte mich ja gerne als Künstler bezeichnen, sagt sie, aber das ist eben kein „real job with paycheck“ am Ende des Monats. Ich stimme ihr zu, gebe aber zu bedenken, dass dieser Umstand es ja gerade schwer macht, in den USA illegal zu überleben, aber ich verstände ihren Standpunkt, dass der Künstlerberuf nicht auf einer Stufe mit einem „real job, like immigration officer“ steht. Bevor sie mich endgültig verhaften lässt greife ich meine Papiere, danke ihr für den Gefallen, den sie mir getan hat und verspreche ihr, dass ich mir vor der nächsten Einreise „a real job description“ besorgen werde. Mein Kopfschütteln kann ich grad noch so unterdrücken und das Zurückschauen auch.

Die danach folgende erneute Sicherheitskontrolle (das wundert mich immer wieder, wie soll man denn zwischen einem Flug und dem nächsten, wenn man nur hermetische Gänge langläuft, Waffen oder ähnliches besorgen?) habe ich mit dreifachem Durchgehen (in Stinkesocken) und mit Komplettauspacken meiner beiden Taschen grad so bestanden, aber Kanada wollte einfach nicht freundlicher werden. Rau und grau, innen wie außen, kein guter erster Eindruck des Landes mit den niedlichen Mounties. Auf dem letzten Flug des langen Tages, in einer Rüttelschüttelbombe vom Typ Bombardier Dash 8 (go Eighties!!) mit 20 Passagieren an Bord klarte es auf und ich hatte einen herrlichen Blick entlang des Eriesees und auf Cleveland aus nicht mal 6 Kilometern Höhe. Dann nur noch Sonnenschein-Suburbia soweit das Auge reicht, und ich wusste ich bin angekommen. Und da bleib ich jetzt erst mal.

all yours,
*sülf

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